Gute Bücher lesen von Susanne Rikl

mischpoke

Marcia Zuckermann
Mischpoke!
Ein Familienroman

Die sieben Töchter des alten Kohanim, einem aufgeklärten Reformjuden, der 1902 in Westpreußen den Fortschritt vorantreibt, haben es in sich. Samuel Kohanim nennt sie selbst ganz nüchtern seine Unglücksfälle. Denn alle Söhne der Familie sind in jüngstem Alter gestorben. Wie es schließlich doch noch dazu kommt, dass allen Schicksalsschlägen und auch dem Dritten Reich zum Trotz die Familie der Kohanim in einem männlichen Spross überlebt, das erzählt diese mit herrlichem Witz und erfrischender Selbstironie gespickte Familiengeschichte.

Keine der Töchter gibt bei der Beerdigung des wohl letzten kleinen Bruders eine gute Figur ab, sind sie doch alle ein wenig froh, dass Benjamin, der ihnen fast zwei Jahre die Schau gestohlen hat, jetzt abtreten muss. Den sieben Töchtern aber ist auch eine Zukunft beschert, die sie in keiner Weise vorhersehen können.
Fanny, die Älteste, entstellt von den Masern und in den Augen ihres Vaters dennoch als einzige nicht vollkommen missraten, wird als erste heiraten und 1910 in Berlin mit ihrem Mann Gerson Segal eine Herrenschneiderei eröffnen. Selma, die Bildungssüchtige, die »schon mit sechzehn das doppelkinnige Gesicht ihrer Mutter mit engstehenden, unangenehmen Augen« hat, wird Theologie studieren und ihren Vater mit ihren Veröffentlichungen zur Weißglut bringen. Elli wäre als Junge zwar ein Dorfheld, aber ihr Vater kann sich keinen seriösen Juden vorstellen, der dieses Mannsweib je zur Frau nehmen wird. Franziska, seiner Lieblingstochter, wird Samuel Kohanim den Erstgeborenen abluchsen und ihn zu seinem Nachkommen bestimmen: Ein ehrbarer Spross der Familie, denn dieser 1929 geborene Walter wird nicht nur am 1. Mai 1933 eine rote Fahne am höchsten Schornstein Berlins hissen, sondern auch Buchenwald überleben. Martha schließlich, vor den Nachzüglern Jenny und Flora geboren, wird in Berlin in die höhere Gesellschaft einheiraten, die Freundschaft aus Kindertagen mit Oda von Güldner, der späteren Ortsgruppenleiterin der KPD, pflegen und auch in Berlin das Lügen nicht sein lassen können.

Nicht umsonst hat Marcia Zuckermann ihrem Roman den Titel »Mischpoke!« gegeben. Geschichten aus drei Generationen der durchaus auch liebevoll so genannten »buckligen Verwandtschaft« bestücken diesen wunderbar unterhaltsamen Roman. Und was für Geschichten das sind!

Frankfurter Verlagsanstalt
Hardcover: 448 Seiten, gebunden, ca. € 24,-
E-Book: ca. € 15,99


Die Literaturblogger Masuko13 am 14.9.2016:

Ich lese „Mischpoke“ gerade. Und war letzte Woche zur Lesung mit der Autorin. Seitdem frage auch ich mich, warum dieses Buch nicht unter den 20 Nominierten ist.


JAMAL TUSCHICK „Freitag – Litblog“ am 29.08.2016:

Die Spendierhosen Gottes

Trauerklöße haben bei uns nichts zu lachen: Marcia Zuckermann erzählt mit einem Stich ins Geniale vom Erhalt der Kohanims als Sippe und Stamm großartiger Lebenskünstler Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick Die Erzählerin befindet sich “in medizinischer Untersuchungshaft”. Den hütenden und ordnenden Gewalten der Welt ist sie schon so weit entglitten, dass Hüter und Ordner in ihrem Fall so recht nicht mehr unterscheiden können zwischen delinquent nach Paragraf 96 Absatz 1 und 2 Strafgesetzbuch und dement nach einem langen Leben. Ob sie nun untersucht oder vernommen oder für einen Prozess präpariert wird: so oder so oder so erscheint die Erzählerin mit ihrer greisen Heiterkeit, in dem das Jenseits schon die Bewirtung stellt, anstößig. Auf dem Fluss ihrer Erinnerungen rudert sie zurück in die westpreußische Kindheit der Altvorderen. “Nur eine schwindsüchtige Sonne stand am Himmel und kämpfte darum, die Eiszapfen zum Weinen zu bringen”, als der Stammhalter im Hause Kohanim seinen von sieben Töchtern eingekesselten Vater mit dem Tod betrügt. Er schleicht sich davon im Eifer der Gründerzeit und weiht im Abgang die Familie dem Untergang. Man muss sich nicht einlesen. In diesem Roman ist sofort alles da, in Renaissancefarben, die glücklich machen wie synästhetische Wirkungen. Der bedächtig stürmende Neuerer Samuel Kohanim missbilligt zwar jüdische Traditionen, muss ihre Andachten aber aushalten in der Konsequenz häuslicher Machtverhältnisse. Er ist Pantoffelpascha, entrechtet von einem Harem, das jiddisch jodelt, da es jung ist, und in der Überordnung grimmig grau wie ein erloschener Vulkan in der Gestalt von Samuels Frau Mindel mit der bloßen Erscheinung Furore macht. Wörter, die ihrer Bedeutung phonetisch nahestehen, wie japsen, glucksen und gurgeln schäumen den Text auf und verwandeln ihn zu einer Ferne jedweder satzbauamtlicher Frigidität. Dieser Roman ist ein Fest, seine Erzählerin spannt der Fantasie einen Bogen nach dem nächsten und schießt damit auf den Trott. Die Angelegenheiten der Familie Kohanim haben ihre Schauplätze im Landkreis Schwetz, wo sich “Deutsche, Polen, Kaschuben und Juden” voneinander scheiden in allen Tonfällen des Lebens. Jede polnische Küchenmagd fühlt sich von ihrer Herkunft erhoben im Vergleich zu den in jeder Hinsicht uneinigen jüdischen Gemeindemitgliedern. Es gibt immer eine, die gesegnet ist, weil Gott an ihrem Geburtstag seine Spendierhosen trug. Hier heißt sie Franziska, genannt Fränze, und auch ihr erster Verehrer, der Opern komponierende und am Flügel überfliegende Klavierstimmerlehrling Zwölffinger-Max kann sich höchstens wegen außerordentlicher Hässlichkeit beschweren. Was solls, im Spiegel seiner Augen brüstet Franziska. Max ist in Berlin schon lange angekommen, als Franziska in der Rolle eines Kindermädchens ihrer Schwester Fanny nachtrudelt. Schwanger wird sie von einem “Schmock”, der vor ihr eine andere Kohanim angrub. Dieser ungemein zweifelhafte Willy stürzt Franziska in die Schande lediger Mutterschaft. Die Kehrseite der Medaille: die Kohanims haben eine Kohanim zum Erhalt des Namens. Ich finde diesen Erzähleinfall, wie biografisch auch immer erbeutet er sein mag, rasant. Die gefallene Fränze verschafft der Mischpoke eine Zukunft, muss selbst jedoch nachträglich und drittklassig mit ihrem Stecher zwangsverheiratet im brandroten “Weddinger Lumpenproletariat” sich zurechtfinden – “mit der dramatischen Würde einer gestürzten Königin”. Warum nicht auch mit der verblichenen Grandezza einer im Istanbuler Exil zur Trottoirschwalbe heruntergekommenen russischen Gräfin. Zum Glück macht Willy bald endgültig die Biege, der Witwe hinterlässt er noch einen Benno zur Aufzucht. Indes geht Max als Amerikaner unter die Leute. Mehr steht im Buch, ich rate dringend zur Lektüre. Marcia Zuckermann, “Mischpoke”, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 445 Seiten, 24,- Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.


Litblog „Caros Bücher“


Litblog „Literaturlärm“


NDR Rundfunk „Gemischtes Doppel“ 4.10. 12.00 Uhr Rezension „Mischpoke!“


№ 10 (26) Oktober 2016 JÜDISCHE RUNDSCHAU KULTUR 29

Von Gerhard Haase-Hindenberg
„Mischpoke“ heißt das Werk, das im
letzten Monat auf den Markt kam und
die Genrebezeichnung „Familienroman“
im Untertitel trägt. Eigentlich
wird die Geschichte zweier Familien
erzählt: die der jüdischen Familie Kohanim
und die der protestantischen
Familie Hanke, deren Schicksal irgendwann
im Laufe der Story ineinander
verwoben wird. Der Beginn der Handlung
ist exakt datiert:
„Zur Mittagszeit des 10. März 2012
ahnte niemand, dass der Untergang der
Familie Kohanim von nun an seinen Lauf
nehmen sollte. Kein leiser Knacks, kein
haarfeiner Riss, kein eiskalter Hauch.
Weder plötzliche Stille noch ein Schwarm
auffliegender Raben oder eine auf Punkt
zwölf stehengebliebene Uhr; keine
schwarze Katze von links nach rechts,
kein Bild, das von der Wand fiel, kein zersprungenes
Glas, noch nicht einmal eine
Verwünschung wurde laut. Auch kein bedeutungsvoller
schwarzer, mit Lineal gezogener
Strich wie bei den Buddenbrocks.
Nichts dergleichen, das Vorahnungen beschwören
könnte. Nur eine schwindsüchtige
Sonne stand am Himmel und kämpfte
darum, die Eiszapfen zum Weinen zu
bringen. Das war alles.
Dieser 10. März schien lediglich einer
der üblichen Unglückstage der Familie zu
werden, so unvermeidlich wie zahlreich
im Leben einer besseren jüdischen Familie
im ländlichen Westpreußen im 19. Jahrhundert…“
Was mit dem Kindstod des Stammhalters
„zur Mittagszeit des 10. März
1902“ beginnt, führt schließlich die Familiengeschichte
als Romanhandlung
bis in unsere Tage fort. Über vier Generationen
also. Und was da erzählt wird,
ist immer spannend, voller Tragik und
Komik, nicht selten ohne verschmitzten
Humor und zuweilen selbstironisch.
Und doch bestand Gesprächsbedarf
und Marcia Zuckermann stellte
sich den Fragen:
Gestatte mir zunächst eine Frage zum
Titel deines Romans. Im jüdischen Umfeld
wird jeder den Begriff „Mischpoke“
wertfrei als „Familie“ übersetzen. Die
nicht-jüdische Leserschaft aber kennt
Mischpoke unter Umständen nur als
die inkorrekte Bezeichnung für unangenehme
Menschen, wie ihn oft Antisemiten
benutzen. Wolltest du dem mit diesem
Titel bewusst, quasi aufklärerisch,
entgegentreten?
„Mischpoche“ mit kehligem „ch“ ist
wertfrei und heißt Familie und „Mischpoke“
mit „k“ gesprochen ist meinem
Wissen nach die jiddische Verballhornung
und bedeutet eher so was wie
„bucklige Verwandtschaft“. In der Tat
wollte ich mit den Begriffen spielen,
mit dem janusköpfigen Charakter von
Familie, denn Familie ist ja nicht nur
blanke Idylle, sondern oft auch belastend
– der Ort schlimmer erster Verletzungen.
Familie kann Schutz und
Schrecken sein.
Mir ist bewusst, dass Autoren
die Frage nach dem
Anteil autobiografischer
Bezüge in ihren Romanen
nicht sonderlich mögen.
Nun habe ich allerdings
auf deiner Buchpremiere
einen britischen Gentleman
kennengelernt, der sich als
Sohn deines Großonkels
Benno herausstellte. Benno
kannte ich bereits aus dem
Roman als ein Mitglied der
dritten Generation der Kohanims,
der vor den Nazis
nach England flüchtete. Vor
dem Hintergrund dieser
Begegnung möchte ich nun
doch die unbeliebte Frage
stellen, ob du selbst die Ich-
Erzählerin bist, die die Geschichte
der eigenen Mischpoke
erzählt!?
Der Ich-Erzählerin habe
ich nur einige Aspekte meines
Lebens geliehen. Jeder
Schriftsteller fleddert ja
nicht nur die Lebensläufe anderer Leute,
sondern schöpft auch aus sich selbst.
Ansonsten muss ein Krimiautor auch
nicht jemanden erst umbringen, um
über Mord und Totschlag zu schreiben.
In der Regel ist der Mörder aber auch
nicht der Ich-Erzähler eines Kriminalromans…
In der Tat hat sich der reale Sohn
von „Benno“, heute ein Professor in
London, zur Buchvorstellung eingefunden.
Er ist mein realer Cousin und
sein Vater „Benno“ mein literarischer
Onkel. Der Vater jenes Gentlemans
also, den du kennengelernt hast, konnte
noch nach England fliehen, während
es seinem Bruder nicht gelang, weil das
Schiff nach Schanghai zu spät ging und
die Gestapo ihn deshalb „schnappen“
konnte.
Der Roman beginnt in einer westpreußischen
Kleinstadt, in der der jüdische
Sägewerksbesitzer und Möbelfabrikant
Samuel Kohanim mit seiner
Mischpoke lebt. Der Familienname ist
die Pluralform von Kohen, also jenes
Stammes, dessen Mitglieder in direkter
Linie vom biblischen Aaron abstammen.
In Jerusalem übten sie einst als
religiöse Autoritäten Tempeldienste
aus. Die Singularform existiert auch in
der Schreibweise Cohen, deren prominentester
Vertreter der Sänger Leonard
Cohen sein dürfte. Haben solche Hintergründe
eine Rolle gespielt, als du
deinen Protagonisten diesen Namen
gegeben hast?
Es ging mir darum, so viel wie möglich
aus der Geschichte des Judentums
zu erzählen. Die Funktionen der alten
Priesterkaste, der Kohen bzw. Cohn
und ähnlicher Schreibweisen sind ja in
der nicht-jüdischen Welt weitgehend
unbekannt. Mit anderen Worten: Mein
Plan war, wenn ich nun schon die Geschichte
meiner Familie und des deutschen
Judentums erzähle, dann will
ich auch tiefer bohren – den früheren
Glanz kurz vor dem Untergang noch
einmal aufscheinen lassen. Vielleicht
bin ich ja eine der Letzten, die das in
unterhaltsam-literarischer Weise noch
tun kann…
Marcia Zuckermann gelingt es in einem
einzigen Absatz des Romans fast
nebenbei, die sich voneinander distanzierenden
jüdischen Milieus vorzustellen,
wie sie damals (nicht nur) jenseits
der Oder in Europa noch bestanden:
„Es lag auf der Hand, dass die alteingesessenen
Juden, die Krawatten-Juden,
die Deutsch sprachen, sich rasierten
und nach Eau de Cologne dufteten,
mit den finsteren, schmuddeligen, nach
Knoblauch, Schmutz und Armut stinkenden
jiddelnden Kaftan-Juden vom
Weichselufer nicht das Geringste zu
tun haben wollten. Man mied sich wie
Aussätzige. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.
Die hochgelehrten Litwaken,
die sich für die einzig wahren Orthodoxen
hielten, als auch die eher primitiven,
spirituell-schwärmerischen Chassiden
betrachteten die assimilierten
deutschsprachigen Glaubensbrüder als
Apikores, als abtrünnige Juden, die ihnen
sogar noch verächtlicher schienen
Eine jüdische Familiensaga von mehr als hundert Jahren
Marcia Zuckermann ist ein großartiger literarischer Wurf gelungen
Die hochgelehrten Litwaken, die sich für
die einzig wahren Orthodoxen hielten,
betrachteten die assimilierten deutschsprachigen
Glaubensbrüder als Apikores,
als abtrünnige Juden, die ihnen sogar
noch verächtlicher schienen als
reine Gojim.
Samuel Kohanim und seine Frau Mindel
haben sieben Töchtern das Leben geschenkt,
während der ersehnte Stammhalter
schon im Kindsbett verstirbt. Der
gebildete Jude horcht natürlich sofort
auf bei dieser kabbalistisch bedeutsamen
Zahl 7. Sie ist eine mystische Zahl,
die für die Verbindung des Spirituellen
mit der Materie steht. Oder hatte dein
Urgroßvater schlicht einfach tatsächlich
sieben Töchter?
Zugegeben, auch ich konnte der mystischen
Zahl 7 nicht widerstehen. Fakt
ist jedoch, dass meine Urgroßmutter
achtzehn (!) Kinder geboren hatte, gemäß
dem alten Reim: „Mit sechzehn
gefreit, und jedes Jahr ein Kind, bis es
24 sind“: Elf Kinder sind gestorben, darunter
alle sechs Knaben. Das war früher
normal und heute im Zeitalter von
Verhütung und Antibiotika kaum noch
vorstellbar.
Über diese sieben Töchter, deren verschiedene
Ehepartner und deren Nachkommen
wird die Haupthandlung erzählt.
Du nimmst den Leser mit in ein
feudales Berliner Modeatelier, wie auch
ins proletarische Milieu des Arbeiterbezirks
Wedding, die Leser erfahren von
den Verhältnissen im KZ Buchenwald,
vom Leben im mondänen Ascona und
dem als Partisanin in Italien. Abgesehen
davon, dass viele detailliert geschilderte
Situationen natürlich auch fiktiv sein
müssen, basieren aber große Teile der
Story auf reale Begebenheiten. Wurde
denn in eurer Familie – im Gegensatz zu
vielen anderen jüdischen Familien – über
die Vergangenheit gesprochen?
In unserer Familie wurde tatsächlich
viel erzählt. Ich wurde ja noch vor dem
Zeitalter des Fernsehens groß. Die Mütter
haben die Geschichten von den Großmüttern
übernommen – so funktioniert
Oral History! Und die Geschichten fand
ich als Kind auch viel interessanter als
etwa Märchen. Ich habe da, genauso wie
meine Kinder, lieber um die Geschichte
von Zipora, unserer von Kosaken entführten
Ahnfrau gebettelt. Oder um die
Geschichte ihres zweiten Mannes, der
mit der Kasse durchging, um in einem
Salzfass dem falschen Messias Zwi Sabbatei
als blinder Passagier ins Heilige
Land nachzureisen. Gern hörte ich auch
die Geschichte von der Millionen-Laube
meiner anderen – nicht-jüdischen –
Großmutter …
Sie erbte in den Zwanzigern mehrere
Millionen inzwischen wertloser Zarenrubel
und tapezierte damit ihre Wohnlaube…
Oder die Geschichte, wie mein Vater
gemeinsam mit seinem Bruder zu Beginn
der Naziherrschaft die rote Fahne
auf dem höchsten Schornstein Berlins
aufpflanzte. Und besonders gern auch
die der Selbstbefreiung aus dem KZ Buchenwald
zwölf Jahre später! Das ist doch
alles viel interessanter und spannender
als öde „Prinzessinnen“-Geschichten,
die nichts mit einem zu tun haben. Ja, ich
wurde geradezu süchtig nach diesen Geschichten
und meine Kinder auch. Die
Enkel werden diese Geschichten nun
nachlesen können, damit habe ich meine
Mizwa erfüllt.
Es gibt in deinem Roman eine Nebenhandlung,
die immer mal wieder eingestreut
wird. Da wird die Ich-Erzählerin
in heutigen Tagen verhaftet, weil sie einer
ihr sehr ähnlich sehenden iranischen
Flüchtlingsfrau in Istanbul ihren Pass
zur Einreise in die EU zur Verfügung gestellt
haben soll. Auch ohne diese Nebengeschichte,
wäre die Haupthandlung eine
abgeschlossene Story. Welche dramaturgische
Funktion also hat dieser Nebenschauplatz?
Die Geschichte aus der Gegenwart der
Ich-Erzählerin hat nicht nur die Funktion
des „roten Fadens“, sie demonstriert
auch die Kontinuität des Rebellischen
und der Solidarität mit Flüchtenden, da
Flucht auch ein ständig wiederkehrendes
Motiv unserer Geschichte war: Von
Salamanca über Venedig, Odessa, Lemberg,
Schwetz in Westpreußen nach Berlin,
London… Und schließlich von Ostnach
West-Berlin.
Eine der Töchter des Samuel Kohanim
ist Franziska, die der Leser später
als deine Großmutter „Fränze“ erkennt.
Neben ihrem schon erwähnten Sohn
Benno, der nach England fliehen konnte,
verbrachte dessen Bruder Walter die
Nazizeit als politischer Häftling im KZ
Buchenwald. Die beiden Brüder waren
Kommunisten, weshalb sie ja am höchsten
Schornstein Berlins die rote Fahne
gehisst hatten. Walter – dein Vater –
lebte nach dem Krieg mit dir und deiner
Mutter zunächst in der DDR. Der 17.
Juni 1953, als auf Ost-Berlins Straßen
auf Arbeiter geschossen wurde, bewirkte
bei ihm eine Wendung im Denken und ihr
floht in den Westen Berlins. Wie hast du
in den Jahren nach dieser Flucht deinen
Vater erlebt?
Was Hitler und Schoah nicht vermochten,
hätten die Kommunisten bei meinem
Vater fast geschafft. Nach dem Zerfall
seiner Welt und der Entwertung aller
Ideale für die er zwölf Jahre lang gelitten
hatte, war er ein gebrochener Mann. Vorerst!
Aber er ist eben ein „Stehaufmännchen“
und hat sich wieder berappelt. Wie
in den dunkelsten Stunden im Lager,
fand er wieder Halt „im Besten des Menschen“,
wie er immer sagte: in der Kunst!
Er leitete wieder einen eigenen Chor und
sang u.a. im Chor der Deutschen Oper.
Andere würden da vielleicht eher in die
Synagoge gehen…
Du kanntest als Kind deine Großmutter
Fränze noch. Inwiefern hat die jüdische
Herkunft bei der Tochter von Mindel
und Samuel Kohanim noch eine Rolle
gespielt?
Für Fränze war Religion wohl eher
eine Konvention und das Beharren auf
dem Judentum eher ein Akt sentimentalen
Eigensinns. Im Übrigen sind alle drei
„arischen“ Ehemänner, mein Stiefgroßvater
Bruno, der Oberpolier Hörl, – also
der Mann ihrer besten Freundin – sowie
der Kofferfabrikant Dahnke, der Mann
der Cousine Else, nach 1945 gemeinsam
zum Judentum übergetreten.
Deinem wirklich spannend und einfühlsam
zugleich erzählenden Roman
kommt unter anderem das Verdienst zu,
sehr realistisch die verschiedenen jüdischen
Milieus vor der Schoah zu schildern.
Hattest du beim Schreiben eine
bestimmte Zielgruppe an Lesern vor Augen?
Ich bin so egozentrisch nur für mich
zu schreiben! Nee, also im Ernst: Ich
schreibe nur etwas, was ich selbst gern
lesen würde. Ich glaube, das macht jeder
ernsthafte Schriftsteller. Für Zielgruppen
zu schreiben funktioniert vielleicht im
Bereich des Groschenromans oder der
Seifenoper. Sicher habe ich auch daran gedacht,
dass Juden das interessieren wird.
Andererseits finde ich es viel belangvoller,
wenn das Buch in breiten Kreisen von
ganz vielen jungen Menschen gelesen
wird, die man sonst mit Geschichte, insbesondere
der jüngeren Geschichte jagen
kann. Hier werden Sie geholfen… (Lacht)
Die Ich-Erzählerin in dem Roman
„Mischpoke“ ist keineswegs weniger egozentrisch
als deren Autorin und sie erklärt
diese Egozentrik als eine direkte Folge
jener Verfolgungen, denen ihre Familie
ausgesetzt war:
„In mein Leben lasse ich nach Möglichkeit
niemanden Einblick nehmen. Das ist
Teil meiner Sicherheitsmarotte, ein nachhaltiger
Schaden, den viele Nachkommen
von Verfolgten haben. So wohne ich beispielsweise
grundsätzlich nie dort, wo ich
polizeilich angemeldet bin. Keine staatliche
Stelle soll jemals direkt Zugriff auf
mich haben, wie auf meinen Vater, meine
Großmutter Oda und alle verfolgten und
getöteten Verwandten. Meine Häscher,
egal welche, müssten Umwege gehen, auf
denen ich Warnsysteme installiert habe.
Falls ich Scherereien habe, will ich immer
allen einen Schritt voraus sein. Unbekannte
Orte untersuche ich grundsätzlich
erst einmal nach sicheren Fluchtwegen.
Darum würde ich nie ein Kreuzfahrtschiff
betreten. Das sind alles Todesfallen.
In Zügen stehe ich an der Tür. Auf Fähren
ist mein Platz immer an der Reling, nie
unter Deck, im Restaurant an der Tür, im
Flugzeug an den Notausgängen oder hinten
auf den sichersten Plätzen im Heck.
Ein Reporterleben lang habe ich nur unter
Pseudonym über andere berichtet. Mein
Ego oder gar mein Name ging niemanden
etwas an…“
In diesem letzten Punkt, treffen sich die
Ich-Erzählerin und Marcia Zuckermann
oder wie immer die Romanautorin real
auch heißen mag.
„Mischpoke – Ein Familienroman“, erschienen
in der Frankfurter Verlagsanstalt, 445 Seiten


Jüdische Allgemeine | 13.10.2016 | Gerhard Haase-Hindenberg

Familienaufstellung
Marcia Zuckermann ist mit »Mischpoke« ein großer literarischer Wurf gelungen
Im August 2005 hielt Marcel ReichRanicki
in der Lübecker Marienkirche seine Rede zum 50.
Todestag von Thomas Mann. Dabei ging er bei der Würdigung des Autors der Buddenbrooks
ausführlicher auf das literarische Genre des Familienromans ein. Mit jenem Monumentalwerk habe
Mann die »alte Familiensaga« aus dem 19. ins 20. Jahrhundert »hinübergerettet und kräftig
modernisiert«. Und so lebe sie auch noch im 21. Jahrhundert.
ReichRanicki
mag dabei Autoren wie Jonathan Franzen (Die Korrekturen) oder Richard Powers
(Der Klang der Zeit) im Blick gehabt haben. In der damals aktuellen deutschen
Literaturproduktion nämlich war das Genre nahezu ausschließlich durch Walter Kempowskis
Romanzyklus Deutsche Chronik vertreten. Aber schon kurz nach jener Lübecker Rede kamen gleich
zwei Familienromane auf den hiesigen Buchmarkt, deren Verfasser weiblich waren und – was man
eher in den USA als in Deutschland vermutet hätte – jüdisch.
In Gila Lustigers So sind wir stehen nur zwei Personen im Fokus – ihr Vater, dem als polnischer
Jude die Flucht aus einem Todesmarsch gelang, und sie selbst. Und in Julia Francks
internationalem Erfolg Die Mittagsfrau wird die jüdische Herkunft der Protagonistin zwar
thematisiert, aber die Haupthandlung des Romans spielt nicht in einem jüdischen Milieu.
FREIHEIT Nun hat Marcia Zuckermann den Familienroman Mischpoke veröffentlicht, und der Titel
des Werks ist Programm. Es ist nämlich bei aller dichterischen Freiheit, die eine 445 Seiten
umfassende Handlung nun einmal verlangt, tatsächlich die Geschichte ihrer Mischpoke, die hier
abgehandelt wird, und das über vier Generationen.
Zunächst aber beschreibt die IchErzählerin,
wie man sie in eine Nervenklinik einliefert. Die
Diagnose lautet »akute Synkope mit partieller Amnesie«. Der Leser erfährt, dass die Patientin eine
Anklage zu fürchten hat. Irgendeine ausländische Person soll mit ihrem Reisepass versucht haben,
in die EU einzureisen, und nun wird der IchErzählerin
unterstellt, das Dokument in Istanbul der
ihr zum Verwechseln ähnlichen Dame ausgehändigt zu haben.
Das alles aber mag so gar nicht zu der Geschichte passen, die im zweiten Kapitel erzählt wird. Da
nämlich befindet sich der Leser plötzlich in der »Mittagszeit des 10. März 1902« – exakt an jenem
Zeitpunkt, da der kaum geborene Stammhalter der in Westpreußen lebenden Familie Kohanim
auch schon wieder stirbt. Sieben Töchter hat der angesehene Sägewerksbesitzer und
Möbelfabrikant Samuel Kohanim mit seiner Frau Mindel gezeugt, ehe der erhoffte Stammhalter zur
Welt kommt. Und nun das. Es hat fast etwas von der Dramatik manch biblischer Geschichte. Die
mystische Zahl Sieben trägt ebenso zu diesem Eindruck bei wie die Tragik eines Doppelmords an
Samuel Kohanim und seiner Frau.
SOZIALSTUDIEN Die Haupthandlung aber wird über die sieben Töchter, deren verschiedene,
auch gelegentlich wechselnde Ehepartner sowie die gemeinsamen Nachkommen erzählt. Dabei
gelingen der Autorin Marcia Zuckermann neben der Familiengeschichte überaus leicht
daherkommende Sozialstudien.
So werden etwa die sich voneinander distanzierenden jüdischen Milieus vorgestellt, wie sie damals
(nicht nur) jenseits der Oder in Europa bestanden.
»Es lag auf der Hand, dass die alteingesessenen Juden, die KrawattenJuden,
die Deutsch
sprachen, sich rasierten und nach Eau de Cologne dufteten, mit den finsteren, schmuddeligen,
nach Knoblauch, Schmutz und Armut stinkenden jiddelnden KaftanJuden
vom Weichselufer nicht
das Geringste zu tun haben wollten«, heißt es bei Zuckermann an einer Stelle.
Die Leser folgen schließlich den KohanimTöchtern
beim sozialen Aufstieg in ein feudales Berliner
Modeatelier beziehungsweise dem Abstieg ins proletarische Milieu. Eine heiratet einen gojischen,
nationalistischen Rittmeister, eine andere einen jüdischen Juristen, der sich der Karriere wegen
taufen lässt und fortan Hartmann statt Hirschfeld heißt.
Nach der Machtübernahme der Nazis hilft ihm das freilich nichts. Die Leser erfahren nun von den
Verhältnissen im KZ Buchenwald, wo der Sohn einer der KohanimTöchter
(und der Vater der
Autorin) inhaftiert war, oder vom Leben als Partisanin in Italien. Es folgen Geschichten von
Widerstand, Verstecken, Flucht und schließlich der schwierigen Nachkriegszeit im geteilten Berlin.
Das alles wird sehr dicht und eloquent erzählt. Marcia Zuckermann schafft es, dies spannend zu
gestalten, nicht selten mit verschmitztem Humor und zuweilen selbstironisch.
WIDERSPENSTIG Und dann wäre da noch diese Nebenhandlung in der Gegenwart, in welcher der
IchErzählerin
eine Anklage droht und in der sie von einer cleveren Anwältin freigeboxt wird.
Irgendwann erkennt der Leser in ihr die Enkelin der widerspenstigsten unter den KohanimTöchtern.
Die Parallelgeschichte hat nach Aussage der Autorin die Funktion, »die Kontinuität des
Rebellischen und der Solidarität mit Flüchtenden« zu erzählen. Vermutlich wären diese Kapitel
entbehrlich, sie ändern aber nichts daran, dass Marcia Zuckermann mit diesem Familienroman ein
großer literarischer Wurf gelungen ist.

Marcia Zuckermann: »Mischpoke! Ein Familienroman«. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2016, 448 S., 24 €


Do 06.10.2016 | 22:45 | Bücher und Moor

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Schöne Romane im September

Buchtipps von Ellen Pomikalko

Marcia Zuckermann, 
Mischpoke!, 
Frankfurter Verlagsanstalt
Ein bisschen Eindampfen hätte vor allem der Rahmenhandlung nicht geschadet. Andererseits breitet die der Asylantenschleusung angeklagte Frau bei ihrer Vernehmung eine sehr facettenreiche jüdische Familiengeschichte aus, von der man kaum loskommt, weil sie alle Episoden, die bei den Urgroßeltern in Westpreußen beginnen und das 20. Jahrhundert im Schicksal der kinderreichen Familie widerspiegeln, lebendig darstellt. Wie der unreligiöse Urgroßvater wohlhabend wird, seine sieben Töchter unterschiedlicher nicht sein könnten, ein männlicher Erbe sich findet und zur Goldenen Hochzeit das Böse triumphiert. Wie Kinder und Enkel mit persönlichen und politischen Schwierigkeiten fertig werden. Vom polnischen Pogrom über die Nazi-KZs bis zu den DDR-Enttäuschungen alter Kommunisten zeigt der historische Bilderbogen unzählige Szenen jüdischer Wirklichkeit und Gefährdung, wobei es an engagierten und erfolgreichen Personen nicht mangelt. Ein Pianist mit sechs Fingern an jeder Hand gehörte auch dazu. Eine Prise Ironie ist diesem Mischpoke-Panorama schon beigemischt. Und es liest sich gut. (445 S., 24 Euro)


Sieben Töchter

Gott hasst Samuel Kohanim.
Oder warum sonst ist er Mann
mit sieben Töchtern geschlagen?
Und jede hat auf ihre
eigene Art einen Knall. Nach
dem Ersten Weltkrieg verschlägt
es die Familie nach
Berlin. Hier heiraten auch
noch die preußischen Protestanten
der Familie Hanke
ein. „Mischpoke“ ist ein
Berlin-Roman, wie es ihn lange nicht mehr gab
(Len Deightons „Winter“ fällt einem da ein): witzig,
ohne albern zu werden, sentimental, ohne
in Kitsch abzudriften, tragisch, ohne die üblichen
Klischees. Ein echter Schmöker, der perfekt unterhält.
LUG
MISCHPOKE
von Marcia Zuckermann, Frankfurter Verlagsanstalt,
448 S., 24 €

Tip Berlin November 2016 – 4/5 Sterne


Badisches Tagblatt – 17.10.2016 von Matthias Kehle

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Die Rheinpfalz 26.11.2016 von Gabriele Weingartner 

Der Begriff „Mischpoke“ stammt aus
demHebräischen und heißt – ins Jiddische
gewendet – so viel wie Familie.
WennMarcia Zuckermann ihren neuen
Roman „Mischpoke!“ und imUntertitel
sogar „Ein Familienroman“ nennt, so
darf man davon ausgehen, dass ihr sowohl
das Ausrufezeichen als auch die
beiden sinngleichen Ausdrücke nicht
zufällig widerfahren sind. Tatsächlich
habe sie, sagt die 1947 in Berlin geborene
Autorin im Gespräch, so etwas wie
die jüdischen „Buddenbrooks“ schreibenwollen.
Das ist ihr auf eine sehr spezielle,
tieftraurig-humoristische, tragisch-
komödiantenhafte, keineswegs
ironisch gedrechselte, mithin Thomas
Mann sehr unähnlicheWeise hervorragend
gelungen.
ThomasManns Roman „Die Buddenbrooks“
schildert den Verfall einer Familie.
Auch Zuckermann lässt keinen
Zweifel daran, dass es mit den Kohanims
bergab geht, nicht nur aus den bekannten
historischen Gründen. Gleich
zu Beginn ihres Romans –man schreibt
das Jahr 1902 – lässt sie das „Kaddisch
für einen Kronprinzen“ anstimmen, das
heißt, den letzten männlichen Nachkommen
dieser stolzen und weit verzweigten
Familie sterben und fortan
deren sieben Töchter die Handlung bestimmen.
Welthistorische Ereignisse tauchen
nur insoweit auf, als sie den Roman und
die Geschichte seiner Figuren beeinflussen:
die Kaiserzeit, der Erste Weltkrieg,
die Veränderung Europas nach
dem Versailler Frieden und der damit
zusammenhängende Umzug der Kohanims
ausWestpreußen nach Berlin, die
Weimarer Republik, der Nazi-Terror,
die Gründung der DDR, dieWiedervereinigung
… ganz fern amHorizont. Es ist
eine lange Strecke, für deren Bewältigung
Zuckermann eine Ich-Erzählerin
eingesetzt hat, die auf ein abenteuerliches
Leben zurückblickt.
Vor allem aber sind es die Schwestern,
über deren Weiterkommen sich
die Leser ein durch die Zeiten fortlaufendes
Bild verschaffen können: Fanny,
Selma, Elli, Fränze, Martha, Jenny und
Flora, die übrig gebliebenen Töchter der
insgesamt 14 Kinder des liberalen Säge-
Marcia Zuckermann erzählt in ihremRoman „Mischpoke!“ die Geschichte ihrer vielverzweigten Familie
werkbesitzers und Möbelfabrikanten
Samuel und seiner Frau Mindel. Als die
„sieben biblischen Plagen“ aber halten
sie Anfang des 20. Jahrhunderts nicht
nur die Dorfbevölkerung von Osche im
westpreußischen Landkreis Schwetz in
Atem, sondern überhaupt die Verwandtschaft
und nicht wenige junge
Männer, für welche die wohlhabende
Familie keine geringe Anziehungskraft
besitzt.
Von sehr unterschiedlichem Charakter
und Aussehen, leben sie jedoch ihr
eigenes Leben und hängen vielweniger
aneinander, als man denken mag. Dass
sich Zuckermann nach und nach auf die
drei mittleren Schwestern konzentriert,
auf Elli, Fränze und Martha also,
tut der Erzählökonomie gut. Irgendwann
landen sie alle in Berlin. Fränze
heiratet den schönen, aber unzuverlässigen
Arbeiter Willy Rubin und lebt
fortan – widerwillig proletarisch geworden
– im „roten Wedding“, Martha
dagegen einen ehrgeizigen Juristen, der
aus opportunen Gründen zum Christentum
übertritt, Gerichtsrat wird und
seine Zwillinge Siegmund und Siegfried
nennt. Elli, die Sportfanatikerin, trennt
sich von ihrem nationalistischen Rittmeister
und kämpft als Partisanin in
Italien. Und Olga, die deutsch-russische,
mit der Sowjetunion liebäugelnde
Freundin der Familie, sorgt schließlich
dafür, dass der Stammbaum der Kohanims
auch ein paar nicht-jüdische Triebe
entwickelt.
Die Zeiten schreiten schnell voran in
diesemRoman, dieUmstände überstürzen
sich, und dass man die Kohanims
nicht aus den Augen verliert, liegt vor
allem daran, dass die Autorin ihre bisweilen
geradezu filmisch anmutenden
Schnitte genau an der richtigen Stelle
setzt.
Umsturz und Verrat, Verfolgung und
Folter, Liebe und Misstrauen, Ideologie
und Glaube: Das Leben und Überleben
der mittlerweile durch Männer und
Kinder erweiterten Kernfamilie wird
immer schwieriger. Wie es Zuckermann
dabei gelingt, ihrem Familienroman
seine geschichtliche Last zu nehmen,
ohne sie im Mindesten zu relativieren,
ist die eigentliche, sich immer
wieder neu bildende Überraschung.
War es die eigene Mischpoke, die sie
da fiktionalisierte in jenem besonderen,
zwischen Zärtlichkeit und Nüchternheit
schwebenden Ton? Zuckermann
streitet es nicht ab.Wobei es Jahre
dauerte, bis sie alle –weit ins 19. Jahrhundert
zurückreichende – Chroniken
gesichtet hatte, die ihr ein in die USA
emigrierter Verwandter vor zehn Jahren
übergab. Die mittlerweile von dessen
Tochter ins Englische übertragenen
und längst demWashington Document
Center übergebenen Originale musste
Zuckermann erst ins Deutsche rückübersetzen,
bevor sie ihrer Überfülle
Herr werden konnte. Und dann sei es
ganz einfach ihre Pflicht gewesen, daraus
einen Roman zu machen, sagt sie,
und es dabei zuzulassen, dass sich ihre
Verwandtschaft in Literatur verwandelte.
Bleibt die Frage,warumsie den Holocaust
nur indirekt beschreibt, ja, ihn geradezu
auf Distanz hält. Das habe mit
ihrem Vater zu tun. Mit Walter also,
demSohn von Fränze undWilly, der im
allerletzten Moment der Ermordung
entging. In Buchenwald in der Kloake
harte er aus, bevor die Amerikaner kamen
und ihn befreiten. Er hätte nicht
weiterleben können, wenn er sich die
Vergangenheit nicht fern gerückt hätte,
sagt Zuckermann. Kann sein, dass es
seiner Tochter genauso ging, während
sie ihren Roman geschrieben hat.
LESEZEICHEN
— Marcia Zuckermann: „Mischpoke! Ein Familienroman“;
Frankfurter Verlagsanstalt; 448
Seiten; 24 Euro.
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Das Leseleben  18.11.2016 
Der Herbst ist für mich die Zeit für Familiengeschichten. ‚Mischpoke‘ eine ganz besondere Familiengeschichte.
Inhalt:
„Die sieben biblischen Plagen“, so nennt Samuel Kohanim, Oberhaupt der ältesten jüdischen Familie im westpreußischen Osche, seine sieben Töchter. Da sind Selma, die Jeden mit ihrem religiösen Spleen meschugge macht, Martha, die Lügenbaronin, Fanny, die droht eine alte Jungfer zu werden, Elli, der Wirbelwind und Franziska, genannt Fränze, die wandelnde Katastrophe, stolz, eigenwillig und schön. Ein Kronprinz ist der Familie Kohanim leider vergönnt. Die Familie zieht es , zu Beginn des 20 Jahrhunderts nach Berlin. Fränze in den roten Wedding und Martha heiratet in gehobene Kreise ein und konvertiert zum Christentum. Familienfreundin Oda hat es auch in Weltstadt verschlagen. Mit der Zeit verbinden sich Oda’s Geschichte mit der, der Familie Kohanim.

Meine Meinung:
‚Mischpoke!‘ ist eine einzigartiges Lesevergnügen, mit viel Witz, Dramatik und Abstrusitäten, begleitet durch einen Schreibstil, der das Besondere unterstreicht. Marcia Zuckermann hat es geschafft die Sprache, ihren Figuren anzupassen, so wird im Wedding mehr berlinert als in den gehobenen Berliner Kreisen von Martha. Die Autoren lässt die Sprache nicht nur regional agieren sondern auch generationsübergreifend, Franzikas Kindern merkt man auch sprachlich ihre Herkunft an. Wer nun sagt, wo bleibt den das ‚Jüdische‘?, dem sei gesagt keine Angst Traditionelles wird mal mehr , mal weniger eingestreut. Wie alles zu dieser unruhigen Zeit unterliegt auch dies ganz stark, dem Wandel der Zeit. 
Um ein komplettes Jahrhundert auf 448 Seiten unterzubringen, spielt die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Aus der Gegenwart heraus, in Ich-Perspektive erzählt uns eine Nachfahrin von Samuel Kohanim, ihre Geschichte und rückblickend ihre Familiengeschichte. Im Mittelpunkt Ebendieser steht zu meist Fränze und ihre Familie, so wie auch Oda und Familie. Das Schicksal aller anderen Familienmitglieder erfahren wir durch Briefe oder kurze Einblicke in ihr Leben. Obwohl es einige Geschichten sind, die in dem Buch erzählt werden, weis der Leser doch sofort wo er sich befindet. Nur an sehr viele ähnliche Namen sollte man sich gewöhnen. Zur Veranschaulichung, ist vorne und hinten im Buch ein Stammbaum abgedruckt. Das Leben erzählt durch die Kohanim-Geschwistern und Oda, die Höhepunkte und Tiefschläge eines Jahrhunderts und wie sich die Ereignisse auf die Berliner auswirken. Dabei ist kein großes Geschichtswissen von Nöten, es ist eher so als würde der Leser Geschichte miterleben. Zu Beginn dachte ich noch, das ist aber sehr gesponnen, bis das Leben mit seiner abstrusen Geschichte von Wandel, Umbruch, Kriegen und Verfolgung, die kleinen Familienabstrusitäten, die in jeder Familie vorkommen, in den Schatten stellt.
‚Mischpoke‘ ist ein Familienroman wie er sein sollte, voll von Leben und Geschichten, gewürzt mit einer Priese Humor und Bitterkeit.

Leseleben, Marcia Zuckermann, „Mischpoke!“ Ein Familienroman, Frankfurter Verlagsanstalt, 448 Seiten,  24,00 €

Radiobeitrag WDR 5 Autor im Gespräch

http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/autor-im-gespraech/mischpoke-100.html

BR2 Eins zu Eins – der Talk 

http://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/sendung-1554634.html

 

Rezension zur Lesung im Kapuzinerkloster Riedlingen am 09. November 2017:

http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Mischpoke-ist-Wahrheit-und-Fiktion-_arid,10767467_toid,581.html